Vorgestellt: Schaller 08
„Die Schaller 08 ist ein Gewächshaus für Wildwuchs.“ So beginnt die Selbstbeschreibung der im Frühjahr 2008 neu gegründeten Produktionsfirma Schaller 08, für die sich die drei Salzburger Filmemacher Bernhard Braunstein, David Gross und Martin Hasenöhrl zusammen getan haben. Tulpen oder Geranien könnten sie nicht liefern, so schreiben sie weiter, „unser Programm sind Mauerblümchen, die sich nicht verstecken müssen.“
Die Menschen hinter Schaller 08 machen Dokumentarfilme und nehmen aktiv Anteil an den Menschen und Geschichten, die sie uns vorstellen. In Kopfbahnhof, dem ersten gemeinsamen längeren Film von Bernhard Braunstein und Martin Hasenöhrl, wagen sie sich in ein verrufenes Hochhaus in Bahnhofsnähe. Sie klopfen an Türen, stoßen auf irre Welten, werden selbst zu Geistern in den Gängen zwischen den Türen und spüren, dass zwischen Filmen und Gefilmtwerden keine einfache Grenze zu ziehen ist.
Kopfbahnhof ist wie ein Rohentwurf für das Schaller-08-Programm: sich auf Menschen und Situationen einlassen, sich aber als Filmemacher nicht zurücknehmen. In Reisen im eigenen Zimmer begleiten die Filmemacher den erkrankten Salzburger Schriftsteller Gerhard Amanshauser und wandeln zwischen seinen Welten der Phantasie und Wirklichkeit. In Pharao Bipolar (einem Film, der derzeit in Salzburg leider nicht zu sehen sein wird) lassen sie sich auf den manisch-depressiven Künstler Werner Ludvig Buchmayer ein, wobei sich beide Seiten – Künstler und Filmemacher – alles und nichts schenken. Aus diesen Zusammenkommen entstehen nicht nur Filme, sondern ein tiefes freundschaftliches Verhältnis (das bei drent und herent von Beginn an vorhanden ist, wenn Martin Hasenöhrl seine Freunde und Verwandte durch die Schnalzsaison begleitet). Diese Verwurzelung von Film, Freundschaft und Wahnsinn (durch Krankheit, Verbohrtheit oder einfach nur Leidenschaft) ist filmisch nicht einfach zu lösen. So dokumentieren die Filme der Schaller 08 auch den Entwicklungsprozess der Filme selber; mit den Filmemachern und deren Gefilmten als gemeinsame Protagonisten – wildwachsende und wuchernde Mauerblümchen eben, in einer Gärtnerei, wo Gartenpflanze und Gärtner auch die Rollen tauschen, und in der die Regeln manchmal erst später aufgestellt werden.
Bernhard Braunstein, geboren 1979 in Salzburg. Studium der Kommunikationswissenschaft in Salzburg, Schwerpunkt Audiovision. Arbeitet als freier Dokumentarfilmregisseur, Cutter und Kameramann. Preisträger Land-Salzburg-Jahresstipendium 2006 für Film.
David Gross, geboren 1978 in Salzburg. Studierte Publizistik- und Theaterwissenschaften in Wien, danach Qualitätsjournalismus an der Donau-Uni Krems. Arbeitet als freier Journalist und Dokumentarfilmer. Preisträger Land-Salzburg-Jahresstipendium 2008 für Film.
Martin Hasenöhrl, geboren 1980 in Salzburg. Diplomstudium Kommunikations- und Politikwissenschaft in Salzburg. Postgraduate-Studium an der Kunsthochschule für Medien Köln, Abteilung Film/Fernsehen. Arbeitet als freier Autor, Regisseur, Cutter und Kameramann. Preisträger Land-Salzburg-Jahresstipendium 2007 für Film.
DI 10. November, 18 Uhr
Reisen im eigenen Zimmer – Der Schriftsteller Gerhard Amanshauser (2006, 56 min)
Buch, Regie, Schnitt: Bernhard Braunstein und David Gross. Kamera: Bernhard Braunstein. Sound: Michael Palm.
Ein Portrait des im Herbst 2006 verstorbenen Schriftstellers Gerhard Amanshauser, das sich dessen nie verwirklichtes Buchprojekt Reisen im eigenen Zimmer zum Ausgangspunkt nimmt: Sein Leben und Werk treten in Form von landschaftlichen Streifzügen, literarischen Exkursen und filmbiographischen Ausflügen in die Vergangenheit miteinander in Dialog. In Filmbilder übersetzte Delirien und Visionen versuchen die krankheitsbedingte Isolation zu sprengen.
Der Film erhielt auf der Diagonale 06 eine Lobende Erwähnung.
DI 10. November, 22.30 Uhr
drent und herent (2007, 86 min)
Buch, Regie, Schnitt: Martin Hasenöhrl. Kamera: Martin Hasenöhrl, Markus Schulze, Marcus Bartos, Peter Schreiner. Ton: Leonhard Schwärz.
In der bayerisch-salzburgischen Grenzregion wird noch heute mit größter Begeisterung ein uraltes heidnisches Lärmbrauchtum betrieben: das Aperschnalzen. Der Filmemacher und Schnalzer Martin Hasenöhrl begleitet eine Schnalzergruppe, die „Passe“ Gois IV, während ihres sechswöchigen Trainings für das Große Rupertigaupreisschnalzen, bei dem jährlich über 1500 Schnalzer aus Bayern und Salzburg – von „drent und herent“ – aufeinander treffen.
Der Film erhielt u.a. den Preis für die beste künstlerische Montage in einem Dokumentarfilm bei der Diagonale 08.
DO 12. November, 22.45 Uhr
Kopfbahnhof (2003, 70 min)
Buch, Regie, Schnitt: Bernhard Braunstein und Martin Hasenöhrl. Kamera: Bernhard Braunstein.
Ein Wohnkomplex in Bahnhofsnähe in Salzburg: Objekt des Anstoßes – und Anstoß für die Filmemacher, in unbekannte Lebenswelten einzudringen. Sie sichten mit einem Hausbewohner dessen private Dia-Sammlung. Er hält ein Dia gegen das Licht: „Was ist das?“ Der Bewohner kneift die Augen zusammen: „Das ist Lammragout mit frischem Mozarella in einer Bechamel-Blauschimmelkäsesauce.“ Also doch ein Haus wie jedes andere! Die Reise durch leere Gänge, entlang karger Mauern ins Innere dieses Mikrokosmos ist geprägt von den Rückkoppelungen zwischen fremdem und eigenem Voyeurismus – und entwickelt sich letztlich zu einer Geschichte des Scheiterns. Der Kopfbahnhof als Metapher.
Der Film erhielt auf der Diagonale 04 eine Lobende Erwähnung der Jugendjury.
Die Filme der Schaller 08:
Kopfbahnhof (Braunstein/Hasenöhrl, 2003, 70 min)
Reisen im eigenen Zimmer (Braunstein/Gross, 2006, 56 min)
drent und herent (Hasenöhrl, 2007, 86 min)
Gross am Land (Gross, seit 2008, Fernsehserie, 17 min)
Freier als Paul Preuss (Hasenöhrl, 2008, Langzeitdokumentarfilm)
Golden Rock, oder: Papa, Burma, weg! (Gross, 2008, 45 min)
Pharao Bipolar (Braunstein/Gross, 2008, 60 min)
Traumfilm (Braunstein, 2009, in Arbeit)
Der Weltenwanderer (Hasenöhrl, 2009, in Arbeit)
Holy Water (Gross, 2010, in Arbeit)
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