Fulminanter Festivalabschluss
15. Nov 2009
Ein besetzes Filmfestival, Filmprogramme in anderen besetzten Hörsälen in Graz, Innsbruck und Wien, über 1.000 begeisterte Festivalgäste in Salzburg, eine Kunstfilm-Jury, die keinen Preis vergibt, und die besten Nachwuchsfilme des Landes: Das und vieles mehr war das film:riss-09-Festival der studentischen Filmkultur Österreichs, das gestern mit einem fulminanten Abschlussfest im vollbesetzten Jazzit nach einer Woche zu Ende gegangen ist. Fotos vom Abschlussfest gibts HIER, alle Siegerfilme und Jurybegründungen auf der weiterführenden Seite. Wir danken allen, die zum Gelingen des Festivals beigetragen haben! Wir sehen uns im November 2010!
Pressemitteilung vom Sonntag, 15. November 2009:
Der Filmnachwuchs brennt mit der Uni
Besetzte Hörsäle, über 1.000 begeisterte Festivalgäste in Salzburg, eine Kunstfilm-Jury, die keinen Preis vergibt, und die besten Nachwuchsfilme des Landes: Das und vieles mehr war das film:riss-09-Festival der studentischen Filmkultur Österreichs, das gestern mit einem fulminanten Abschlussfest nach einer Woche zu Ende gegangen ist.
80 Filme von Studierenden österreichischer Hochschulen waren beim film:riss-09-Festival zu sehen. Im zum Teil durch die aktuelle Protestbewegung „unibrennt/unsereuni“ besetzten Räumlichkeiten der Universität Salzburg wurden Preise im Gesamtwert von über 8.000 Euro vergeben: Die Bundesländerpreise, dotiert mit je 1.000 Euro und gestiftet von den Kulturabteilungen Burgenland, Kärnten, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Vorarlberg und Wien, für die besten Studentenfilme in den Kategorien Doku, Fiktion und Kunstfilm gingen an die Beiträge „Dacia Express“ (Doku) von Michael Schindegger und „Elefantenhaut“ (Fiktion) von Severin Fiala und Ulrike Putzer von der Filmakademie Wien. Der Förderpreis der Arbeiterkammer Salzburg (600 Euro) ging ebenfalls an „Elefantenhaut“. Eine Überraschung gab es im Kunstfilm-Wettbewerb: Die Jury wollte keinem der Filme den Hauptpreis vergeben. Anstatt dessen werden alle Filmteams an die Partnerfestivals Diagonale und Crossing Europe geladen. Der mit 1.000 Euro dotierte Drehbuchpreis „spec_script Award“ von der Drehbuchwerkstatt Salzburg ging an Anna Katharina Wohlgenannt, der Förderpreis (300 Euro) an Valentin Renoldner. Der neu eingeführte Hubert-Sielecki-Preis (500 Euro) für den besten Animationsfilm wurde an die FH-St.-Pölten-Studierenden Mirjam Baker und Michael Kren für ihr Musikvideo „Memory“ vergeben.
Neuer Filmwettbewerb für die Protestbewegung „unibrennt/unsereuni“
Die film:riss-Organisatoren haben sich offiziell vor Festivalbeginn mit der aktuellen Protestbewegung von Studierenden in ganz Österreich solidarisiert. In der vergangenen Woche war das film:riss-Programm neben den Screenings in Salzburg auch in besetzten Hörsälen in Wien, Graz und Innsbruck zu sehen. „Die Studierenden wollen wieder Räume, Freiräume, für ihre Anliegen, für ihre Bildung, für ihr Studium“, so Festivalleiter Dominik Tschütscher. „Da ihnen diese Räume nicht mehr zur Verfügung stehen und die Studierendenkultur sukzessive verökonomisiert und durch verbeamtete Hürden behindert wird, holen sich die Studierenden diese Räume jetzt zurück. Nichts anderes ist das film:riss-Festival: Wir fordern Raum für eine studentische Filmkultur und geben ihr die Plattform, die sie braucht.“ Im Zuge der Protest-Bewegung hat film:riss daher einen neuen Filmwettbewerb ins Leben gerufen: Gesucht werden audiovisuelle Arbeiten, die die aktuellen Hörsaalbesetzungen bzw. die Protest-Bewegung thematisieren. Der Preis ist mit 1.000 Euro dotiert und die Einreichungen werden im Rahmen des nächsten film:riss-Festivals gezeigt.
Festivalleitung fordert gesunde Finanzierung für 2010
Das film:riss-Team ist nach dem erfolgreichen Festivalverlauf voll für das 10-jährige Jubiläum im November 2010 motiviert. „An uns wird es sicher nicht scheitern“, blickt Dominik Tschütscher auf das kommende Jahr. „Wir haben in den letzten 9 Jahren bewiesen, dass wir ein Filmfestival auf einem professionellen Level veranstalten können, den jungen Filmemachern eine lebendige und spannende Plattform bieten können und auch, dass ein großes und begeisterungsfähiges Publikum vorhanden ist. Es ist nun an der Zeit zu entscheiden, was der Nachwuchsfilm in Österreich und seine einzige vorhandene Plattform wert ist. Wir müssen eine gesunde Finanzierung einfordern, um das Jubiläums-Festival im nächsten Jahr auch veranstalten zu können.“ Das film:riss-1-Festival wird vom 8. bis 13. November 2010 in Salzburg stattfinden.
Alle Informationen über film:riss, druckfähige Stills der Siegerfilme und druckfähige Pressefotos sind auf www.filmriss.at abrufbar.
Prämierte Filme im Überblick:
TRAILERWETTBEWERB: film:riss 09 Trailer (Lukas Marxt, Kunstuniversität Linz, 2009, 1 min)
FIKTION PUBLIKUMSPREIS: Die Schnapsidee (Xaver Daller, Alexander Herrmann, Jakob Barth und Sebastian Prittwitz, FH Salzburg, 2009, 27 min)
FIKTION JURYPREIS: Elefantenhaut (Severin Fiala und Ulrike Putzer, Filmakademie Wien, 2009, 34 min)
Jurybegründung:
Wir verleihen “Elefantenhaut” den Hauptpreis für seine gelungene Figurenzeichnung, seine Nähe zur gesellschaftlichen Realität, seinen leisen Humor und seine Glaubwürdigkeit.
DOKU PUBLIKUMSPREIS: Armutszeugnis – kein Salz in der Suppe (Johannes Gierlinger, Philipp Kleibel und Patrick Lochner, FH Salzburg, 2009, 57 min)
DOKU JURYPREIS: Dacia Express (Michael Schindegger, Filmakademie Wien, 2008, 54 min)
Jurybegründung:
Der Film sucht nicht das Exzeptionelle, Aussergewöhnliche, Spektakuläre auf, sondern ganz normale Leute in ganz gewöhnlicher Situation. Wir sitzen im Dacia-Express, der täglich von Wien nach Bukarest fährt. In mehreren siebzehnstündigen Zugfahrten kommt der Filmemacher seinen Mitreisenden näher, plaudert mit ihnen, beobachtet sie, zeichnet ihr gegenseitiges Kennenlernen auf. Ohne sich auf ein bestimmtes Thema festzulegen, produziert der Film durch seinen Rhythmus eine fast aristotelische Einheit von Zeit, Raum und Handlung, die uns als Betrachter unmittelbar in die einzelnen Abteile versetzt, von denen jedes eine eigene Welt für sich darstellt. Das Prinzip der Reduktion des dokumentarischen Filmapparates auf das Wesentliche – den Filmemacher und seine Kamera – erweist sich dabei einmal mehr als eine große Bereicherung in Sachen Nähe und Intimität, und findet seine Fortsetzung auch in der Montage und im Sounddesign: einfach, und gerade dadurch konsequent und überzeugend.
Ganz unprätentiös entsteht so ein großer Europafilm, der die Distanz zwischen Wien und Bukarest ganz wörtlich immer wieder durchmisst und überwindet, um Menschen, ihren Geschichten und Plänen, ihren Urteilen und Vorurteilen zu begegnen, Differenzen zu behaupten und sie wieder zu widerlegen. Ein Film, der vorführt, wie spannend es auf der Welt sein kann, insbesondere dann, wenn man sich für die Menschen rundherum wirklich interessiert.
KUNSTFILM PUBLIKUMSPREIS: Until I find you – bis ich Dich finde (Kristina Pulejkova, Universität für angewandte Kunst Wien, 2009, 5.30 min)
KUNSTFILM JURYPREIS: nicht vergeben
HUBERT-SIELECKI-PREIS FÜR DEN BESTEN ANIMATIONSFILM: Memory (Mirjam Baker und Michael Kren, FH St. Pölten, 2009, 5 min)
Begründung:
Bei dem Film Memory von Michael Kren und Mirjam Baker handelt es sich um eine faszinierende Verbindung aus Realfilm als Symbol der Gegenwart und grafisch malerische Animationstechnik und Darstellung der Erinnerung. Hier wird in perfekt bearbeiteten Sequenzen mit passender Musik, schnellem Schnitt und mit sicherer Kamera eine vergangene Liebesgeschichte erzählt. Durch das Spiel mit den beiden Welten bekommt der Film inhaltlich noch eine weitere künstlerische Dimension.
FÖRDERPREIS „ARBEITSWELTEN“ DER AK SALZBURG: Elefantenhaut (Severin Fiala und Ulrike Putzer, Filmakademie Wien, 2009, 34 min)
Jurybegründung:
“Elefantenhaut” zeigt Ausschnitte aus dem Leben von Elfi, um die Fünfzig, Arbeiterin in einer Druckerei, alleinstehend. Am Fließband stapelt sie Prospekte. Sie teilt sich mit ihrer Mutter eine kleine Wohnung. Nach Feierabend pflegt sie die gehbeeinträchtigte alte Frau, die ständig Wünsche und Beschwerden, aber nie ein gutes Wort für die Tochter übrig hat.
Im Lauf der Jahre hat sich Elfi eine Schutzschicht zugelegt, eine Elefantenhaut. Kaum je verzieht sie eine Miene, doch hinter Elfis pragmatischem Auftreten verbirgt sich ein sehnsuchtsvoller Mensch. Eines Abends folgt sie der Einladung eines jüngeren Kollegen, in den sie heimlich verliebt ist, in die Diskothek Brooklyn. Elfi freut sich, macht sich für den Abend zurecht, währenddessen ihre Mutter in der Badewanne kein gutes Haar an ihr lässt.
In der Disko ist weit und breit kein Arbeitskollege zu sehen, aber Elfi trifft Ricardo, beinahe das Klischee eines heruntergekommenen Unterhaltungskünstlers, den sie bereits von der Firmenweihnachtsfeier kennt. Und sie trifft die slowakische Heimhilfe, die eigentlich an diesem Abend die Mutter betreuten sollte. Ricardo ist betrunken und macht sich an Elfi heran. Später im Auto ist Elfi hin- und hergerissen von der Verantwortung für andere und ihrem eigenen Glück. Schließlich fährt sie doch zur Mutter. Als sie dort die Heimhilfe vorfindet, macht sie sich wieder auf den Weg.
“Elefantenhaut” zeigt die Lebenssituation einer Frau um die Fünfzig, gefangen in der Verschränkung von Erwerbssituation und vielfältiger Versorgungspflichten. Damit widmet sich der Film einer Form von weiblicher Lebensrealität, die bislang wenig filmische Beachtung fand.
Jeder Ausbruchsversuch aus der Alltagstristesse scheint fast vorprogrammiert zum Scheitern. Ohne appellativ zu sein, bringt der Film mit seinen (Laien-)darstellerInnen ein weiteres Thema zur Sprache: Je geringer der sozioökonomische Status, umso prekärer sind die Versorgungspflichten.
Die Jury hat sich daher einhellig für die Vergabe des Sonderpreises „Arbeitswelten“ der AK Salzburg an „Elefantenhaut“ ausgesprochen.
DREHBUCHPREIS „spec_script Award 09“ DER DREHBUCHWERKSTATT SALZBURG:
Die Welt wie sie mir gefällt von Anna Katharina Wohlgenannt (Wien). Jurybegründung: Einfühlsam, realitätsnah, und nicht ohne Augenzwinkern, schildert Anna Katharina Wohlgenannt die Nöte der pubertierenden Kathi und die Probleme ihrer alleinerziehenden Mutter. Die Figuren sind facettenreich gezeichnet, die Geschichte ist frisch und unverbraucht, die Dialoge lebensecht. „Die Welt, wie sie mir gefällt“ drückt Zeitgeist und Lebensgefühl zweier Generationen aus, das Buch ist die kurzweilige und doch tiefsinnige Basis für einen berührenden Film.
Anerkennungspreis: Flüchtig von Valentin Renoldner (Uni Wien). Jurybegründung: Ein Tankstellenräuber entführt aus Versehen ein rebellisches Mädchen und findet sich mit ihr in unfreiwilliger Komplizenschaft. Was wie ein Road Movie beginnt, wird zu einer spannenden Reise in die Landschaft menschlicher Beziehungen. Was wir finden, ist das ungewisse Abenteuer von Familienverhältnissen.
ANERKENNKUNGSPREISE “SALZBURG WERKSCHAU”, gestiftet von offscreen – offenes film forum salzburg: System von Alexander Herrmann (FH Salzburg, 2009, 4 min); Geldregen (2009, 27 min) von Christian Schega (FH Salzburg) und Jan Siebel; Inkognito von Victor Kössl (FH Salzburg, 2008, 10 min)






